301 Wörter · etwa 3 Minuten Redezeit
Liebe Marie, lieber Felix, liebe Gäste, als Vater der Braut habe ich heute das Vorrecht, als Erster zu sprechen, und die Pflicht, dabei nicht zu lange zu brauchen. Ich versuche beides. Marie, als du drei Jahre alt warst, hast du im Garten eine Hochzeit für deine Stoffhasen veranstaltet. Du hast die Gäste platziert, die Musik ausgesucht und die Rede gehalten. Deine Mutter und ich saßen in der zweiten Reihe und durften nichts sagen. Heute sitzen wir wieder in der zweiten Reihe, und ich muss zugeben: Du hast dich seitdem organisatorisch kaum verändert. Was sich verändert hat, ist, dass aus dem Mädchen, das nie einen Baum ausgelassen hat, eine Frau geworden ist, auf die man sich verlassen kann. Du hast dein Studium durchgezogen, als es schwer war. Du hast deiner Großmutter im letzten Jahr jede Woche vorgelesen. Und du hast dir einen Mann ausgesucht, der zuhört. Felix, ich habe dich beim ersten Kennenlernen etwas zu lange gemustert. Das lag nicht an dir. Es lag daran, dass ich dreißig Jahre Zeit hatte, mir vorzustellen, wer mir eines Tages gegenübersitzen würde. Du warst besser als jede Vorstellung. Du bist ruhig, wo Marie schnell ist, und du lachst über ihre Witze, auch wenn sie sie zum dritten Mal erzählt. Vor allem aber habe ich gesehen, wie du sie ansiehst, wenn sie es nicht merkt. Das hat mir gereicht. Ihr beiden habt euch nicht einfach gefunden. Ihr habt euch entschieden, jeden Tag aufs Neue, auch in den Monaten, die nicht einfach waren. Das ist die Ehe, wie ich sie kenne: kein Zustand, sondern eine Entscheidung, die man immer wieder trifft. Marie, du bleibst meine Tochter, egal wie viele Stoffhasen du noch verheiratest. Felix, du bist ab heute Familie, und das meine ich in jeder Hinsicht, inklusive Weihnachten. Lasst uns die Gläser erheben: Auf Marie und Felix!