249 Wörter · etwa 2 Minuten Redezeit
Liebe Emma, lieber Leon, liebe Gäste, ich bin Emmas Tante, die jüngere Schwester ihrer Mutter, und damit in der Familie zuständig für alles, was Eltern nicht dürfen: zu viel Eis, zu lange aufbleiben, und die Wahrheit über die Jugendfotos. Emma, ich habe dich auf dem Arm gehabt, als du zwei Tage alt warst. Ich habe dir mit sechs das Radfahren beigebracht, indem ich dich losgelassen habe, ohne es zu sagen. Und ich habe mit dir mit siebzehn stundenlang am Küchentisch gesessen, als du der Meinung warst, die Welt sei ungerecht. Sie war es manchmal. Du hast trotzdem weitergemacht. Das ist das, was ich an dir am meisten bewundere: Du fällst, du stehst auf, du fährst weiter. Leon habe ich zum ersten Mal an einem Weihnachten kennengelernt, an dem er völlig unvorbereitet in unsere Familie geraten ist: vierzehn Leute, drei Gespräche gleichzeitig, ein Hund unter dem Tisch. Er hat sich hingesetzt, zugehört und nach einer Stunde die richtige Frage an meine Mutter gestellt. Sie hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen, und wir auch nicht. Leon, du bringst in Emmas Leben etwas mit, das sie lange gesucht hat: Ruhe, die nicht langweilig ist. Emma bringt in deins das Gegenteil, und ich habe den Eindruck, dass ihr beide genau das wolltet. Ich wünsche euch eine Ehe, in der einer loslässt, ohne es zu sagen, und der andere trotzdem weiterfährt. Und ich wünsche euch viele Weihnachten mit zu vielen Leuten, zu vielen Gesprächen und einem Hund unter dem Tisch. Auf Emma und Leon!